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Pressemitteilung

Gießen-Kleinlinden, 15.4.2010

Welche Anforderungen ergeben sich an eine Schulleitung, die den gesellschaftlich bedingten Wandel der Beruflichen Schulen zu gestalten hat?

Das war die zentrale Frage einer Fachtagung der Arbeitsgemeinschaft der Direktorinnen und Direktoren an Beruflichen Schulen in Hessen (AGD) am Donnerstag, den 15. April 2010 in Giessen-Kleinlinden.Zu dieser fanden sich 160 Schulleitungsmitglieder (Schulleiter, stellvertretende Schulleiter und Abteilungsleiter) von ca. 50 Beruflichen Schulen aus ganz Hessen ein.

In dieser Zusammensetzung war es die erste Veranstaltung ihrer Art, welche aber aus den veränderten Arbeitsbedingungen gerade für die Leitungsverantwortlichen einer Schule den richtigen Schluss zu ziehen gedachte: Die Bildung von Schulleitungsteams ist eine wesentliche und notwendige Antwort auf  Herausforderungen denen sich die Beruflichen Schulen zu stellen habe


Um welche Herausforderungen es sich vordringlich handeln könnte, legte Prof. F. Rauner, Leiter der Forschungsgruppe für berufliche Bildung (i:BB) an der Universität Bremen, fachkundig und fesselnd in einem Vortrag mit dem Titel: Situation und Perspektiven der Beruflichen Bildung den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung dar.

Diese steht, nach Auffassung Rauners, gegenwärtig im Spannungsfeld zweier denkbarer divergierender Entwicklungen. Einerseits ist da der von ihm als „angloamerikanischer Entwicklungspfad“ benannte Weg, der sich durch eine Auflösung des Berufskonzeptes und eine deutlicher stärkere Akademisierung, bisweilen auch Pseudoakademisierung, auszeichnet. Alternativ dazu benennt er den „Schweizer Weg“ als Option, der sich durch die eindeutige Beibehaltung des Berufskonzeptes und überdies auch durchgängige berufliche Bildungsgänge sowie die duale Berufsbildung als gleichwertigen Zugang zum Hochschulstudium mit sich bringt. Rauner verdeutlichte seine Präferenz für die letztgenannte Option, durch Erörterung vielfältiger Vorteile, welche für die BRD insgesamt sowie die  bundesdeutsche Wirtschaft durch die Beibehaltung und den gezielten Ausbau des Dualen Berufsbildungssystems festzustellen sind.

Grundsätzlich, so Prof Rauner, ist für ihn dieser Prozess noch nicht entschieden, jedoch stehe es für das Duale System nicht zum Besten. Insbesondere stellt dieses in der BRD durch in ihrer Zahl nicht zu rechtfertigende Zuständigkeitsvielfalt und des äußerst fragwürdigen Zustandes des Übergangssystems „Schule-Beruf“ selbst in Frage. Ohne ein Gegenmittel nennen zu können, empfiehlt er den Beruflichen Schulen, denen nach seiner Auffassung viel zu häufig vollkommen ungerechtfertigt die Rolle als Juniorpartner der beruflichen Bildung zuerkannt wird, ein Vorgehen welches, stichwortartig genannt, folgende Komponenten enthalten sollte:

Einführung des Lernfeldkonzeptes, Entwicklung von Berufsfachkonferenzen zur Realisierung einer dual-kooperativen Berufsbildung, Entwicklung einer College(schul)struktur in der beruflichen Bildung (berufliche Kompetenzzentren), erweiterte Personalstruktur (Berufspädagogen, Dozenten, Lehrbeauftragte), Zusammenführen von Aus- und Weiterbildung. Dies alles bedingt aber Berufliche Schulen, die ähnlich den Universitäten, rechtlich selbstständiger agieren können.


Konkreter aber nicht minder anregend wurde es in einem weiteren Vortrag der von OStD J. Dell, Schulleiter der BBS Westerburg, gehalten wurde.

Nach seiner Auffassung ist die Schulorganisation die wesentliche „Stellschraube“ für Veränderung in der Schule bis hin zur operativen Ebene des Unterrichts. Er berichtete auf der Grundlage dieser Aussage von den organisatorischen Veränderungen in seiner Schule. Kern dieser ist die Arbeit in weitgehend selbstverantwortlichen Teams auf allen Ebenen. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer „Organisation in Fraktalen“. Die Arbeit derselben sowie deren Ergebnisse werden zusammengehalten durch die Klammer eines gemeinsamen Leitbildes und unterliegen in den Resultaten und ihrer Qualität einer beständigen Prüfung eines eingeführten Qualitätsmanagements.

Diese Veränderungen, so machte Kollege Dell deutlich, sind nicht zuletzt Resultat eines gewandelten Verständnisses von Lernen. Selbstverantwortliches Lernen, individualisierte Lernprozesse, Lernen in Teams sind nur einige Schlagworte mit denen er dieses aktuelle Verständnis verdeutlichte. Daraus ergibt sich für ihn folgerichtig: Lernen erweitern – Lernraum erweitern – Klassenraumbegrenzung aufheben. Dieser Dreischritt führte in der BBS Westerburg zur Gestaltung „offener Lernlandschaften“, deren Vorzüge für alle Beteiligten von Dell  plastisch und engagiert geschildert wurden.

Neben den vielen Hinweisen auf die Rahmenbedingungen solcher Veränderungen, welche er zu geben wusste, wies er die Zuhörern darauf hin, es sei ein untaugliches Prinzip für gleichartige schulische Wandlungsprozesse, wenn es heißt: „Eines nach dem andere und alle schön mitnehmen“. Er empfahl den anwesenden Schulleitungsteams stattdessen, möglichst viele der als notwendig erkannten Veränderungen gleichzeitig anzugehen. Der Blick, den er den Anwesenden in die BBS Westerburg eröffnete, scheint ihm Recht zu geben.